Reproduktionsnotfall

Abort, Totgeburt und auffällige Nachgeburt

Muttertier schützen, Proben sichern und infektiöse beziehungsweise zoonotische Risiken kontrollieren.

Lesezeit
ca. 6 Min.
Aktualisiert
31. Juli 2026
Redaktioneller Quellenabgleich
9. August 2026
Einordnung
Zucht & Cria
Direktantwort≈ 30 Sekunden

Abort, Totgeburt, starke Blutung, übel riechender Ausfluss oder festliegende Stute werden sofort tierärztlich abgeklärt. Fetus, Nachgeburt und verschmutztes Material können diagnostisch wertvoll und infektiös sein: Bereich absperren, Handschuhe tragen, nichts waschen oder entsorgen und Anweisung zur Probenahme abwarten. Niemals an der Nachgeburt ziehen.

Das Wichtigste

01

Die Ursache kann infektiös, genetisch, maternal oder unklar sein.

02

Ein unauffälliges Muttertier kann dennoch Behandlung benötigen.

03

Nachgeburt und Fetus sollten eindeutig der Stute zugeordnet werden.

04

Schwangere und immungeschwächte Menschen meiden den Bereich.

Zuerst: Das ist kein Versagen

Ein Abort oder eine Totgeburt trifft hart, und zwar auch dann, wenn man weiß, dass so etwas vorkommt. Nach elfeinhalb Monaten Vorfreude, Planung und täglichem Hinsehen steht man vor einem toten Jungtier und einer Stute, die sucht. Dass die erste Reaktion Schuld ist – was habe ich falsch gemacht, hätte ich es sehen müssen –, ist normal und in den allermeisten Fällen unbegründet.

Die Ursachen reichen von infektiös über genetisch und maternal bis zu „bleibt unklar“, und die letzte Kategorie ist größer, als man sich wünscht. Das ist der eigentliche Grund für die Nüchternheit der folgenden Abschnitte: Man kann in dieser Situation zwei Dinge tun, die etwas ändern – die Stute versorgen lassen und die Ursache klären. Beides ist leichter, wenn jemand vorher aufgeschrieben hat, was zu tun ist.

Der zweite Grund für die Nüchternheit ist praktisch: Die Entscheidungen, die jetzt anstehen, sind unumkehrbar. Was aufgeräumt, gewaschen oder entsorgt wurde, ist als Probe verloren – und mit ihm die Antwort auf die Frage, ob der Rest des Bestands betroffen ist. Deshalb steht hier nichts Tröstliches, sondern das, was in den nächsten zwei Stunden zählt.

Sofortmaßnahmen

Die Reihenfolge in den nächsten Minuten ist: anrufen, sichern, absperren, schützen. Der Anruf steht vorne, weil die Praxis am Telefon entscheidet, ob sie kommt, welche Proben sie braucht und wie das Material bis dahin gelagert wird – und weil eine festliegende, stark blutende oder fiebernde Stute ein eigener Notfall ist, unabhängig vom Jungtier.

Beim Absperren geht es um zwei Richtungen: Andere Tiere sollen nicht an das Material, und Menschen sollen es nicht ohne Handschuhe anfassen. Der zweite Punkt ist ernster, als er klingt. Einige Erreger, die bei Tieren Aborte auslösen, sind auf den Menschen übertragbar – schwangere und immungeschwächte Personen gehören deshalb bis zur Klärung nicht in diesen Bereich, und zwar ohne Diskussion. Das ist keine übertriebene Vorsicht, sondern der Grund, warum in dieser Situation überhaupt Handschuhe empfohlen werden.

  1. 01

    Tierarzt beziehungsweise Notdienst anrufen – zuerst, nicht nach dem Aufräumen.

  2. 02

    Stute ruhig sichern, mit Herdenkontakt; auf Blutung, Fieber, Festliegen und Ausfluss achten.

  3. 03

    Fundort für Menschen und andere Tiere absperren, nichts waschen, nichts entsorgen.

  4. 04

    Handschuhe tragen, Werkzeuge und Schuhe getrennt halten, Hände gründlich waschen.

  5. 05

    Schwangere und immungeschwächte Personen aus dem Bereich fernhalten.

  6. 06

    Material kühl und nach Anweisung der Praxis lagern – nicht einfrieren, wenn nicht ausdrücklich gesagt.

Für die Diagnostik

Die Diagnostik lebt von Angaben, die nur du hast. Trächtigkeitsstadium und Deckdaten sind die wichtigsten, weil ein Verlust im dritten Monat andere Ursachen hat als eine Totgeburt am Termin. Dazu kommen Impfungen, Medikamente der letzten Wochen, Futterumstellungen und – oft entscheidend – alle Tierzugänge der letzten Monate. Ein Abort nach einem Zukauf ist ein anderes Bild als einer in einem geschlossenen Bestand.

Fotografiere, bevor etwas bewegt wird: Fundort, Fetus, Nachgeburt, jeweils mit etwas als Größenvergleich. Das kostet zwei Minuten und ersetzt später eine Erinnerung, die in dieser Situation ohnehin unzuverlässig ist.

  • Trächtigkeitsstadium und Deckdaten
  • Impfung, Medikamente, Futter und Tierzugänge
  • Fotos von Fundort, Fetus und Nachgeburt
  • Weitere Aborte, Fieber oder Krankheitszeichen im Bestand

Bestandsmaßnahmen

Nach dem Befund geht es um zwei Fragen: Was heißt das für die Stute, und was heißt es für den Bestand? Bei einer infektiösen Ursache kann daraus ein Bestandsthema mit Kontrollen, Hygienemaßnahmen und unter Umständen behördlicher Beteiligung werden. Bei einer nicht infektiösen bleibt es eine Einzelfallfrage – mit dem gleichen Ergebnis für die Zuchtentscheidung: Sie wartet, bis der Befund da ist.

Und ein Punkt, der in Checklisten nie steht: Sprich im Betrieb darüber, auch wenn es unangenehm ist. Wer im Bestand mitarbeitet, muss wissen, was passiert ist, warum der Bereich gesperrt ist und was die nächsten Wochen bedeuten. Ein Abort, über den nicht geredet wird, wird zu einem Gerücht – und Gerüchte führen selten zu besseren Hygienemaßnahmen.

  • Muttertier und Kontaktgruppe nach Plan kontrollieren.
  • Reinigung erst nach Proben- und Behördenanweisung.
  • Zuchtentscheidung bis zum Befund aussetzen.
  • Ergebnis und Konsequenzen schriftlich im Bestand besprechen.

Begriffe aus diesem Artikel

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NachgeburtEimeria macusaniensisPyrrolizidinalkaloideStandardabweichung (Faser)

Häufige Fragen

Wie lange darf es dauern, bis die Nachgeburt abgeht?

Wenn die Nachgeburt nicht in dem von der betreuenden Praxis genannten Zeitfenster abgeht, ist das ein Fall für den Anruf – nicht für eigene Maßnahmen. Ziehen ist in jedem Fall tabu: Es kann die Gebärmutter verletzen und Gewebe zurücklassen, das anschließend zur Infektionsquelle wird.

Warum soll ich Fetus und Nachgeburt nicht entsorgen?

Beides ist diagnostisch wertvoll. Aus dem Material lässt sich häufig klären, ob die Ursache infektiös, genetisch oder maternal war – und damit, ob der restliche Bestand betroffen sein könnte. Material deshalb kühl und nach Anweisung der Praxis lagern, nichts waschen und den Fundort absperren, bis die Probenahme geklärt ist.

Ist ein Abort für andere Tiere im Bestand ansteckend?

Das lässt sich vor dem Befund nicht ausschließen. Bis zur Klärung gilt deshalb: Bereich für Menschen und Tiere sperren, Handschuhe tragen, getrennte Werkzeuge verwenden und die Kontaktgruppe nach Plan kontrollieren. Reinigung und Desinfektion erfolgen erst nach Proben- und gegebenenfalls Behördenanweisung.

Darf ich schwanger sein und die Stute versorgen?

Nein. Schwangere und immungeschwächte Menschen sollten den Bereich meiden. Einige Erreger, die Aborte bei Tieren auslösen können, sind für den Menschen relevant – die Versorgung übernimmt in dieser Zeit jemand anderes.

Kann ich die Stute nach einem Abort wieder decken lassen?

Die Zuchtentscheidung wird bis zum Befund ausgesetzt. Ein äußerlich unauffälliges Muttertier kann trotzdem behandlungsbedürftig sein, und ohne geklärte Ursache lässt sich weder das Wiederholungsrisiko noch der richtige Zeitpunkt einschätzen.

Ich habe schon aufgeräumt – ist die Diagnostik jetzt hinfällig?

Nicht zwangsläufig, aber sie wird schwieriger. Ruf trotzdem an und sag ehrlich, was mit dem Material passiert ist. Häufig lässt sich noch etwas nutzen – auch gewaschenes oder unvollständiges Material, Fotos, oder Blutproben der Stute, über die sich einige infektiöse Ursachen nachweisen lassen. Was du nicht tun solltest, ist aus Verlegenheit gar nicht anzurufen. Die Frage, ob der restliche Bestand betroffen ist, bleibt schließlich offen, egal wie sauber der Stall jetzt ist.

Belege & Vertiefung

Quellen dieses Leitfadens

Zur Quellenmethodik

Auf Basis der folgenden Fachquellen erstellt und laufend gepflegt. Zuletzt redaktionell bearbeitet am 31. Juli 2026; redaktioneller quellenabgleich am 9. August 2026.

Das ist ein redaktioneller Abgleich der Aussagen mit den angegebenen Quellen – keine Prüfung oder Freigabe durch eine Tierarztpraxis, keine klinische Validierung und keine individuelle Beratung.

  1. Merck Veterinary ManualReproduction of Llamas and Alpacas Belegt den Ablauf der drei Geburtsphasen und die Frist für den Abgang der Nachgeburt: Phase III soll innerhalb von vier bis sechs Stunden abgeschlossen sein.
  2. MuD-Tierschutzprojekt Neuweltkameliden (BMEL/BLE), Justus-Liebig-Universität GießenTiergesundheitsmanagementplan und Checkliste für Tierärzt:innen Kapitel 8.3 Geburt: Ablauf, Beobachtung und die Punkte, an denen tierärztliche Hilfe nötig wird.
  3. Friedrich-Loeffler-InstitutInfektionen bei Alpakas und Lamas Einordnung des Friedrich-Loeffler-Instituts zu Infektionen bei Alpakas und Lamas – das Institut warnt darin ausdrücklich nicht vor Alpaka-Wanderungen, ordnet aber das Zoonoserisiko ein.
  4. Peer-reviewte Veterinärpathologie / PubMedToxoplasma gondii-associated abortion in alpacas Dokumentiert eine infektiöse Abortursache und stützt konsequente Proben-, Hygiene- und Bestandsabklärung.
  5. Peer-reviewte Veterinärpathologie / PubMedEncephalitozoon cuniculi placentitis and abortion in an alpaca Ergänzt eine seltene, aber diagnostisch relevante Ursache von Plazentitis und Fruchtverlust.